Luther ABC - D  

Stichwort: Deutsche Sprache


Luther Portrait

Kein anderes Buch hat die deutsche Sprache so stark geprägt wie Luthers Übersetzung der Bibel. Luther – der Schöpfer der neuhochdeutschen Schriftsprache? Nein, aber Luthers Werke haben zur Verbreitung und Durchsetzung einer allgemeinen deutschen Hochsprache wesentlich beigetragen. Die einzige Quelle des Glaubens – so Luther – ist die Bibel. Deshalb wird seine Bibelübersetzung der folgerechte Versuch, das Zeugnis des heilschaffenden Wortes und Handelns Gottes jedermann zugänglich zu machen. 1522 erscheint das Neue Testament und 1534 die ganze Bibel. Luther ist nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, aber seine Übersetzung war breiteren Kreisen verständlich. Die Vorgänger waren teils übersetzerisch, teils sprachlich unzulänglich. Sie gingen zudem nicht auf den griechischen und hebräischen Urtext zurück, sondern auf die spätere lateinische Übersetzung (Vulgata). Zur Zeit Luthers ist der Sprachausgleich im deutschen Sprachgebiet voll im Gange. Vor allem die Kanzleien der vielen deutschen Länder haben ein Interesse daran, sich besser untereinander verstehen zu können. Luther schafft keine neue Sprache; er nimmt Entwicklungen auf und führt sie konsequent durch. Sein Einfluss ist vor allem im stilistischen Bereich zu suchen. Luther, der mitteldeutschen Brücke zwischen Oberdeutsch und Niederdeutsch entstammend, geht bei seiner Übersetzung von der thüringischen Mundart aus und übernahm weitgehend die kaiserliche und kursächsische Kanzleisprache. Er verhilft mit der Popularität seiner Schriften einer Schreibform zu weiter Verbreitung, die sich bereits früher im ostmitteldeutschen, ostfränkisch-bairischen Raum herausgebildet hatte. Luther bedient sich, wie er selbst sagt, der „gemeinen deutschen Sprache“. „Man mus die mutter ihm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen und den selbige auff das maul sehen, wie sie reden, und damach dolmetzschen, so verstehen sie es denn und mercken, daß man Deutsch mit in redet.“ Luthers Ringen um den sinntreffenden Begriff – er entfernt sich so auch oft von einer wörtlichen Übersetzung – hat viele Ausdrücke neu entstehen lassen, manches Wort erfuhr durch seine neue Theologie und seine Sprachkraft eine Umprägung seiner Bedeutung. So wird z.B. das Adjektiv „fromm“, das bis dahin die Bedeutung „tüchtig“ und „rechtschaffen“ hatte, von Luther auf die Bedeutung „gläubig“ und „gottergeben“ eingeengt. Von ihm gebrauchte Mundartwörter wurden in die Hochsprache übernommen (z.B. Lippe, schüchtern). Unter seine Wortneubildungen fallen u.a. Feuereifer, Herzenslust, Ehescheidung, Lückenbüßer und Machtwort. Allerdings ist die Glaubensspaltung ein Hemmnis für die Annahme der durch Luther geformten Sprache, die sich erst im 18. Jh. durchsetzt, bis sie durch Goethe und Schiller nicht eigentlich verdrängt, doch neu gestaltet wird. Entscheidend begünstigte der Buchdruck den Siegeszug der Schriftsprache, auch die Schulen forderten die Einheitssprache lutherischen Stils.

Renate Dopheide

  Lutherkirche Kiel