Luther ABC - F

Freiheit ist ein Wort unserer Zeit. Bei ihrem ersten Besuch in den USA sprach Kanzlerin Merkel, es sei nötig, „mehr Freiheit zu wagen“ – offenbar vor dem Hintergrund, dass in God‘s own country Personenrechte, ja Menschenrechte eingeschränkt werden, um die Freiheit zu schützen. Wessen Freiheit?
Szenenwechsel. Das Europäische Parlament lehnt das so genannte Port-Package ab, das für eine Liberalisierung („Befreiung“) des Arbeitsmarktes in den Häfen sorgen sollte. Wessen Befreiung auf wessen Kosten?
Freiheit ist kein Wort unserer Zeit. Zu allen Zeiten strebt der Mensch nach Freiheit, sowohl nach der Freiheit von etwas, etwa von Krankheit, von Sklaverei, von zu hoher Steuerlast; als auch nach der Freiheit zu etwas, etwa, frei zu reisen, frei die eigene Meinung zu sagen, frei seinen Glauben zu leben, frei zu wählen, wer regieren soll.
Aus den Beispielen wird sofort deutlich: Meine eigene Freiheit findet ihre Grenzen an der Freiheit des anderen. Und die Rückseite der Freiheit ist die Verantwortung. So weit so klar. Aber ist das alles?
Martin Luther geht noch einen Schritt weiter. In seinem Werk Von der Freiheit eines Christenmenschen von 1520 zeigt er, dass der Freiheit ohne Liebe das Entscheidende fehlt. Das Individuum kann nicht allein von Freiheit leben. Der Mensch braucht die Beziehung, das Leben in der uneigennützigen Liebe zum Anderen. Es gilt, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen Egoismus und Altruismus. So beginnt Luthers Schrift auch mit Extremen: „Ein Christ ist ein freier Herr und niemandem untertan“, lautet der erste Satz, dann folgt: „Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan“. Wie passt das zusammen? Indem Freiheit und christliche Liebe zusammengehen. Vertraue ich Gott, so macht er mich frei vom Ballast des Alltags, von äußerlichen Dingen, etwa von Gewinnmaximierung, vom Prestige- und Imagestreben, die mich ablenken von der Tiefe und dem Sinn des Lebens. Gott macht mich frei, zu lieben und zu geben, ohne mich selber zu verlieren; im Gegenteil, ich gewinne das Leben! Für Christen ist der Christus, der Mensch, in dem ich Gott erkenne, der Schlüssel dazu. So beendet Luther sein Buch mit dem Satz: „Der Christ lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, in seinem Nächsten durch die Liebe.“
Warum ist Christus der Schlüssel? Nicht nur durch sein Vorbild als guter Mensch nach Gottes Willen. Sondern, weil Gottes Geist sich durch ihn offenbart, als die Kraft der Liebe und des Lebens selbst. Diese Kraft schafft einen neuen Anfang, wo alles zu Ende erscheint. Gott ist eine Wirklichkeit, die in unser Leben hineinwirkt und der wir uns anvertrauen können.
Wenn ich mehr christliche Freiheit wage, die Äußerlichkeiten ablege und die Innerlichkeit entdecke, öffnet dieser Schlüssel mir eine neue Perspektive auf das Leben. Ich werde frei, wahrhaftig zu sein, gelassen, lebensfroh, dankbar. Das lässt mich nicht mehr ruhig auf dem Sofa sitzen, ich werde aktiv, tue Gutes: Ich bin so frei!
Pastor Martin Gregor
Lutherkirche Kiel