Luther ABC - F

Um den Glauben Luthers zu erfassen, ist es wichtig zu verstehen, dass Glaube nicht einfach ein „Für-wahr-halten“ oder gar ein „Nicht-wissen“ ist. Nicht nur für Luther ist der Glaube vielmehr der Ausdruck seiner Vorfindlichkeit in der Welt. Glaube ist zugleich Gefühl und Erkenntnis der eigenen Existenz. Christlicher Glaube beinhaltet umfassenderes, tieferes „Wissen“ um das eigene menschliche Sein vor Gott und dem Nächsten, als z.B. Naturwissenschaften. Aus solchem Glauben folgt unmittelbar die eigene Haltung natürlich zu Gott und auch zu sich selbst und zur Welt.
Die Frage nun ist, wie stellt sich Gott dem Menschen dar? Luther lebte in einer Zeit, in der das Bild des gerechten, aber harten Gottes im Zentrum stand. Machthaber machten sich dieses Gottesbild zu nutze, um unter Androhung höllischer Strafen schließlich sogar Geld einzusammeln dafür, dass Gott abließ von der gerechten Bestrafung.
Auch Luther stellte sich die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Auch Luther hatte das Bild vom Weltenrichter, der nach den Taten des Menschen urteilt, verinnerlicht. Luther hatte Angst vor diesem Gottesbild, das ihm regelrecht die Luft zum Leben nahm. Gebete, Beichte, Pilgerei, Reliquien, ein Leben als Mönch, gute Werke, all das half ihm letztlich nicht.
Daneben aber stand das Bild des leidenden Gottessohnes, der, nach einer möglichen Deutung der Kreuzigung, alle Strafe auf sich zog, um stellvertretend zu sühnen und die Menschen damit freizumachen von ihrer Angst - und sogar vom ewigen Tod. Luther kannte diese Deutung und meditierte den leidenden Christus. Doch die Angst war stärker. Was verband ihn mit Christus? Wie konnte er darauf vertrauen, zu den Erlösten zu gehören?
Durch sein Bibelstudium, durch das eigene Lesen im Neuen Testament, besonders in den urchristlichen Briefen, fand Luther endlich Antwort und Hilfe: Es war genau anders herum als zuvor gedacht. Das Bild Christi gehört in die Mitte, denn in ihm wird Gott sichtbar und sein Wille für uns. Wer darauf vertraut, dass durch diesen Menschen offenbar wurde, was mit uns geschehen soll, wird leben. Wer das Geschenk annimmt, in Christus befreit zu sein, wird durch den Tod hindurchgehen wie in einer neuen Geburt. Er wird eingehen nicht zum Gericht, sondern zum Festmahl Gottes. Das ist das neue Bild!
„Sola scriptura, solus christus, sola fide, sola gratia“ – „Allein aus der Schrift, allein in Christus, allein aus Glaube, allein durch Gnade.“ Das waren die leitenden Grundsätze, die umwälzend waren, zuallererst für Luther selber.
Heute stellt sich uns die Frage nach dem Gottesbild immer noch. An was für einen Gott glauben wir? Auch heute blicken wir als Christen durch die Bibel hindurch auf Christus. Auch heute finden wir in ihm Antworten, die uns unsere Lebensängste nehmen können, wenn wir auf Gott vertrauen lernen. Auch heute bietet uns Gott sein großes Geschenk an, Freiheit: Die Freiheit, zu lieben und zu geben und wahrhaftig zu leben.
Pastor Martin Gregor
Lutherkirche Kiel